Im Vordergrund eine Rampe für Autos, im Zentrum die unteren Etagen eines ungepflegten Betonhochhauses mit Grafitti "ZZTOP".

Hamburg: Der Tanz mit der Abrissbirne

Das Diktum von der „freien und Abrissstadt Hamburg“ ist schon älter, aber wie es scheint noch erschreckend aktuell. Besonders die Bauten des 20. Jahrhunderts genießen derzeit noch wenig Wertschätzung, so mein Eindruck. Ein Brief an eine schöne Stadt, die ihre Seele wegsaniert. Und ein paar Fotos natürlich auch.

Ach Hamburg! Mir scheint, als läge dir dein architektonisches Erbe nicht sonderlich am Herzen. Zumindest nicht, wenn es aus dem 20. Jahrhundert stammt. Vor vier Jahren war ich zum letzten Mal zu Besuch und – schwupps – sind schon wieder einige identitätsstiftende gebaute Wahrzeichen verschwunden – trotz engagierten Protests unter anderem von Denkmalschützer*innen. Während meines Besuchs im Oktober dieses Jahres begann der Abriss einer gestalterischen Ikone, der Cremon-Brücke, obwohl die Öffentlichkeit den postmodenen und etwas exzentrischen Bau gerne behalten hätte (wer würde das nicht – Open-air-Rolltreppen sind einfach total gut). Das stromlinienelegante Deutschlandhaus am Gänsemarkt – kaputt, trotz nicht langer zurückliegender Sanierung. Die majestätische Postpyramide – weg, und brutalistischen Nachbargebäuden in der City-Nord, zum Beispiel dem Postamt 60 von Anfang der 70er-Jahre, geht es jetzt auch an den Beton.

Backsteingebäude mit abgerundeter Ecke im stromlinienförmigen Stil der 20er-Jahre. Weiß Fensterbänder, Commerzbank-Logo.
Adé, Stromlinien-Moderne: Das Deutschlandhaus am Gänsemarkt wurde 1928-29 als Kontorhaus errichtet nach Plänen der jüdischen Architekten Fritz Block und Ernst Hochfeld. Erstaunlicherweise beherbergte der Bürobau eines der größten Kinos Europas mit 2.700 Plätzen sowie auch Gewerbeflächen. Im Krieg zerstört, wurde er neu aufgebaut und auch schon unsanft umgebaut, zuletzt 2006. Das Deutschlandhaus stand nicht unter Denkmalschutz und musste Platz machen für einen Neubau von Hadi Teherani, der die Ästhetik der runden Ecken und die Fensterbänder aufgreift. Mein Foto stammt von 2017. Beim Denkmalverein Hamburg gibt’s mehr Infos und historisches Bildmaterial.
Pyramidenförmiges Gebäude, im Vordergrund eine Hochbrücke für Fußgänger.
Ein echter Solitär war die von Gerhard Weber und Georg Küttinger entworfene ehemalige Oberpostdirektion in der City Nord mit dem Spitznamen Postpyramide. Als die Abrisspläne 2016 bekannt wurden, ging eine Empörungswelle durch die Reihen der Brutalismus-Fans, viele pilgerten zu letzten Fotosafaris. Bei meinem Besuch 2017 war der 1969-77 errichtete Bau schon mit Bauzäunen abgesperrt und in einem etwas jämmerlichen Zustand. Was für ein Verlust.

Katastrophen und Kahlschlag, Zerstörung und Neuaufbau

Naja, ich verstehe schon: Du hast dich im Laufe der Jahre immer wieder neu erfinden und radikal an neue Gegebenheiten anpassen müssen. Die Auslöser waren vielfältig, Katastrophen und auch hausgemachter Kahlschlag. Das habe ich beim Besuch Museums für Hamburgische Geschichte gelernt. Die engen, unhygienischen Gängeviertel zum Beispiel, die einst dein Herz und Zentrum bildeten, mussten einfach irgendwann weg – die Menschen wurden dort krank. Es entstanden neue Viertel, neue Gebäude, die wir heute wiederum historisch wertvoll finden. Es gab Brände, es gab Fluten – immer wieder Zerstörung und Neuaufbau.

Blick auf Gleise und Züge, im Bildhintergrund vier mehrstöckige graue ürohäuser und der Hauptsitz des Magazins Spiegel.
Als ich dieses (zugegebenermaßen nicht eben großartige) Foto 2017 machte, wusste ich nichts von der schon damals tobenden Diskussion um den Abriss dieser vier Bürobauten aus der Feder von Rudolf Klophaus, 1954-58. Obwohl sie seit 2013 unter Denkmalschutz standen und sogar Expert*innen von ICOMOS International und zahlreiche Hamburger Institutionen für den Erhalt plädierten, beschloss die Stadt den Abriss, der 2019 vollzogen wurde.

NS-Stadtplanung, Weltkriegs-Feuersturm und Wiederaufbau

Hitler fand dich „amerikanisch“ und wollte dich zur „Führerstadt“ ausbauen. Die Planungen waren megaloman. Vieles von der Planung der Nazis kann man im Stadtbild noch finden – zum Beispiel Siedlungen und Verkehrsachsen. Der zweite Weltkrieg brachte verheerende Bombardierungen. Besonders traumatisch der Juli 1943, als alleine in einer Nacht 100.000 Spreng- und Brandbomben fielen. 40.000 Menschen starben in diesem Sommer; 750.000 verloren ihre Wohnungen. Jede zweite Wohnung, jedes zweite Haus war zerstört. Nach dem Krieg wurde es erstmal nicht leichter für die Bevölkerung, es folgten Hungerwinter und Leben in Ruinen und Nissenhütten. Die Nachkriegsbebauung – eine enorme soziale Leistung! – und die Stadtplanung der Nachkriegszeit prägen dein Angesicht bis heute.

Breite Straße, über die eine blaue moderne Fußgängerbrücke führt. Im Hintergrund Bürohäuser.
Über die direkt nach meinem Besuch abgerissene Cremonbrücke von PSP Architekten habe ich hier ausführlich geschrieben.
Spiralförmige Rampe im Inneren eines Parkhauses, die zentrale Kuppel hat ein Lochmuster, das Licht durchlässt
Ein Zeitzeuge der frühen Autobegeisterung: das Parkhaus am Rödingsmarkt, 1965, Architekt Peter Neve. Hier kann man nicht nur parken, sondern auch auf einer besonders schönen Rampe schwindelig kreiseln und den Lichthof bewundern. Im Erdgeschoss gibt es nach wie vor Tankstelle, Autowäsche und Reparaturservice. Im Dachgeschoss bietet ein Co-Working-Space tolle Ausblicke.

Kranenballett: Jährlich entstehen 10.000 Wohnungen

Und weil du eine schöne Stadt bist und weil die Leute gerne in dir leben wollen, geht es auch im 21. Jahrhundert wieder ums Thema Wohnen. Im Deutschlandfunk lerne ich, dass jedes Jahr 10.000 Wohnungen entstehen sollen. Ich habe gesehen, wo überall die Kräne ihr Ballett aufführen, wo gebaut wird. Erfreulich: Es entstehen auch richtig viele Sozialwohnungen. Ich bewundere, dass du das hinbekommst. In vielen Städten steckt nicht so viel systematische Energie in den Baubemühungen.

Wahrzeichen verschwinden, eine Stadt lässt sich botoxen

Aber gleichzeitig bin ich Sorge. Denn ich finde Städte vor allem schön und interessant, wenn Altes und Neues nebeneinanderstehen darf, und auch Mittelaltes respektiert wird. Ich habe den Eindruck, liebes Hamburg, dass dir diese einfache Weisheit ein bisschen aus dem Blick gerät. Denn Wahrzeichen und Alteingesessenes müssen in deiner Planung verschwinden. Zum Beispiel das weltbeste Backfischrestaurant auf einer Industriebrache, wo kauzige Besucher*innen an resopalbeschichteten Tischen sitzen und die aus der Zeit gefallene Atmosphäre genießen. Zum Beispiel eine der ältesten Sportstätten Deutschlands, die Adolf-Jäger-Kampfbahn in Altona. Zwei klitzekleine Beispiele für identitätsstiftende Strukturen, die einer Stadt guttun.

Kopfsteinpflaster, überwuchterter Zaun, ein ehemaliges Hafengrundstück. Links im Bild ein kleines weißes Gebäude mit altmodischem Schriftzug "Veddeler Fischgaststätte"
Nicht weit von den Elbbrücken, im Viertel Veddel, befindet sich ein Raum-Zeit-Kontinuum der allercharmantesten Sorte, die Veddeler Fischgaststätte mit 75-Jähriger Tradition. Doch, wehe, auch dieser wunderbare Ort soll neuer Bebauung weichen – aus meiner Sicht ist das wirklich unverständlich. Denn der historische Ofen und das Ambiente können halt nicht in einen Neubau umziehen. Wer Sympathie hat, kann die Petition zum Erhalt unterschreiben.
Weißes Zugangsgebäude zum FC Altona 93, Adolf-Jäger-Kampfbahn. Zwei Tore mit geschmiedeten Symbolen des Vereins.
Das hier war nur ein schnelles Foto, weil mir die Szene gefiel. Und wie das so ist – man liest nach und findet heraus, dass man schon wieder einen Abrisskandidaten vor der Linse hatte. Die nach einem Fußballspieler benannte Adolf-Jäger-Kampfbahn ist eine der ältesten Sportstätten Deutschlands, 1908 eingeweiht. 2026 soll sie für Wohnbebauung abgerissen werden.

Neue Quartiere – erstmal Orte ohne Charakter

Es muss auch mal unlogisch sein, vielleicht auch unökonomisch. Es reicht nicht, jedem Neubauviertel am Wasser einen geretteten Kran aus dem Winkel des Hafens hinzustellen. Das funktioniert nicht in Serie – es ist geradezu herzlos, pseudo-historische Artefakte zu pflanzen wie junge Bäume. Naja, ich will nicht so sein, vielleicht wachsen die Kräne irgendwann an und schlagen Wurzeln, wie das neu gepflanzte Grün. Vielleicht wird man nach so vielen Häutungen und Neustarts ein bisschen hartherzig – so nach dem Motto „Nichts ist ewig“. Aber jetzt mal unter uns: Wenn das so weitergeht, verlieren die Leute doch den Spaß an dir. Bist du sicher, dass „Quartiere“ voller Systemgastronomie eine gute Lösung sind, wenn die Spuren gelebten Lebens, quasi die Baumringe deiner großartigen Entwicklung, nach und nach verschwinden, saniert und gebotoxt werden?


Zugegeben, nicht ganz mein Beuteschema, aber ich war fasziniert. Die so genannte Schilleroper ist der letzte fest installierte Zirkusbau Deutschlands aus dem 19. Jahrhundert. Bis vor Kurzem war sie umringt von Nachkriegsprovisorien, geschützt von Wellblechplatten und man konnte die Konstruktion nicht sehen. Nun wird das Originalgestell freigelegt und ich hoffe sehr, dass was Gutes damit passiert. Wikipedia zeichnet die vielfältigen Nutzungen und die wechselvolle Geschichte des Rundbaus nach.

Was bleibt von der Geschichte?

Bei meinem Besuch im regnerischen Oktober 2021 habe ich einige Orte aufgesucht, deren Fortexistenz unsicher ist. Die Liste der gefährdeten Bauwerke des Denkmalvereins Hamburg e. V.  war mir dabei ein nützlicher Wegweiser. Kundige Begleitung und super Infos erhielt ich von Frank Strutz-Pindor. Danke dafür schonmal an dieser Stelle! Und zum Glück gibt es ja auch solche Nachkriegsbauten, die gut in Schuss und eine wahre Freude sind. Dennoch bleibt das Gefühl, bald wiederkommen zu müssen und zu dokumentieren, was noch alles verschwinden soll – die Liste ist nämlich erschreckend lang.

So viel Erbe zu zerstören, wäre ein bisschen betrüblich, oder? Horch nochmal in dich hinein, großartiges Hamburg, ob es nicht ganz schön wäre, wenn ein bisschen Wirtschaftswunderseligkeit, ein bisschen Technikeuphorie und brutalistische Majestät fortbestehen würden. Immerhin hast du es ja geschafft, die Struktur der autogerechten Stadt schön aufrechtzuerhalten. Ausgerechnet den Aspekt der zurückliegenden Planungen, der ganz, ganz schnell geändert gehört. Aber das ist wiederum eine andere Geschichte …

 

Wasserfläche im Vordergrund, im Bildzentrum ein älteres helles Gebäude und ein modernes dunkles Bürohaus.
Zentral gelegen am Nicolai-Fleet hängt die Abrissbirne quasi auch schon über diesen beiden Gebäuden der Commerzbank. Der Altbau, entworfen von Martin Haller, entstand 1872-73. Der denkmalgeschützte Büroturm aus der Feder von Godber Nissen und Wilhelm T. Fritsche wurde 1964 eröffnet. Der Verband Deutscher Kunsthistoriker führt das Ensemble auf seiner Roten Liste gefährdeter Bauten.
Hafen, Wasserfläche und lang gezogene Backsteingebäude, ehemalige Lagerhäuser. Im Hintergrund eine moderne Brücke.
Das Bild entstand in strömendem Regen, aber es ist mir wichtig. Nicht nur wegen der schicken 50er-Architektur im Vordergrund, vor allem wegen des hinteren Teils des Gebäudes. Es handelt sich um das Lagerhaus G im Saalehafen. Es steht recht vergammelt in der Gegend herum, angeblich soll es zum Wasser hin absacken; seine Zukunft ist ungewiss. Im Zweiten Weltkrieg diente das Lagerhaus G als Außenstelle des KZ Neuengamme. Hier waren Zwangsarbeiter*innen untergebracht, die in den Betrieben im Hafen arbeiten mussten. Eine Stiftung dokumentiert, erinnert an die Menschen und will das Gebäude erhalten.
Dreischiffige Großhalle mit wellenförmigem Dach, im Vordergrund leere Parkplätze.
Objekt meiner Begierde seit langer Zeit – jetzt durfte ich dran, aber nicht rein: 10 Millionen Menschen versorgt der Großmarkt Hamburg mit Obst und Gemüse. Da soll bitte keiner Viren anschleppen – verständlich! Ich habe gefühlt hunderte Bilder gemacht von den schönen Wellen, die das nur acht bis elf Zentimeter dünne Dach der rund 200 Meter langen Halle bilden. Architekten Bernhard Hermkes, Gerhard Becker, Ulrich Finsterwalder (Hochbau), Gottfried Schramm, Jürgen Elingius (Tiefbau). Bauzeit 1958-62, denkmalgeschützt. Die lange Seite bekommt derzeit neue Fenster, die nicht so ganz gut zur Optik des Baus passen, aber vermutlich den Menschen, die in der Verwaltung arbeiten, das Leben angenehmer machen. Die Bundesingenieurskammer hat den Bau im Stadtteil Hammerbrook als Wahrzeichen geadelt und ihm einen kleinen Film gewidmet.
Vierstöckiges langgezogenes Betongebäude, weiß gestrichen, aber etwas vermoost. Wirkt unbelebt.
Eine brutalistische Wohnmaschine: Das „Studentenwohnheim der Ingenieurschule“ ist heute noch immer ein Wohnheim für Studierende der FH in Bergedorf, wenn auch eines mit unsicherer Zukunft wegen Brandschutzproblemen. Errichtet 1966-69, Architekten Graaf und Schweger. Der Sichtbeton ist mittlerweile angemalt, aber die Formensprache – rar genug in der Hansestadt – wirkt noch immer.
Treppenaufgang mit Beschilderung und Zahlen im Stil der 70er-jahre mit kräftigen Farben.
Feines Retrodesign gibt’s im Inneren des Studierendenwohnheims in Bergedorf. Die kompakte, verschachtelte Bauweise mit Halbetagen ermöglicht viele Aus- und Durchblicke.
Außenansicht einer modernen Moschee mit türkisfarbener Keramikfassade und zwei Minaretten. Im Vordergrund ein Wasserbassin.
Kein Abrisskandidat, aber auch häufig im Zentrum hitziger Debatten: Das Islamische Zentrum Hamburg. Wikipedia informiert: „Das Zentrum des schiitischen Islam in Deutschland […] wird auch ‚Blaue Moschee‘ genannt und steht unter Beobachtung des Hamburger Verfassungsschutzes und wurde 2017 von diesem als ‚Instrument der iranischen Staatsführung‘ eingeschätzt.“ Am Ufer der Außenalster liegt die Blaue Moschee in einem schicken Viertel mit Botschaften und Wassersportclubs; Architekten waren Gottfried Schramm und Jürgen Elingius in Kooperation mit dem iranischen Architekt Parviz Zargarpoor, 1960-65.
Lang gezogener mehrstöckiger Bau mit markanten außen liegenden Feuerleitern.
Ebenfalls von Graaf und Schweger entworfen und ebenfalls mittlerweile grau gestrichen: die FH in Bergedorf. Von außen wirkt der lang gezogene Bau inmitten von Einfamilienhäusern einigermaßen fremd, aber was für ein Spaceship!
Innenansicht eines großen, luftigen Raums mit Betonsäulen und Kassettendecken aus Beton. Übergroße Schrift dient als Leitsystem.
Das Innere der FH in Bergedorf lässt Brutalismus-Fans wirklich in die Knie gehen: Es ist komplett unverändert, auch die künstlerischen Interventionen sind bauzeitlich. Ein schöner Industrie-Holzboden dämpft den Tritt, der Blick geht nach oben zur Kassettendecke. Quasi Kirche für die Betongemeinde. Unklar ist, was mit dem Bau geschieht, wenn die FH 2030 auszieht. Daher: Status unsicher.
Parklandschaft mit Bäumen, luftiges Gebäude aus Glas und Stahl.
Errichtet als Hochschule der Bundeswehr, heute Helmut-Schmidt-Universität: Die verschiedenen Pavillons sind als Hängekonstruktion errichtet und wirken durch ihren technischen Charakter einerseits und ihre stützenlose Leichtigkeit andererseits. Architekten Heinle, Wischer und Partner, 1974-78.

Summary

The dictum of the „free and demolition city Hamburg“ is already older, but as it seems also still frighteningly topical. Especially some of the  buildings from the 20th century seem acutely threatened by demolition. Personal observations from a beautiful city that is ‚redeveloping‘ its soul. And photos from stays there in 2017 and 2021.

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